Artikel aus der Taunuszeitung vom 18.2.2019

Mit freundlicher Genehmigung der FNP und Alexander Schneider

Je älter der Whisky, desto länger bleibt er im Mund 

 

Haltbarkeitsdaten sind meist etwas für feste Nahrung. Bei Alkoholika kann man oft gar nicht sagen, bis wann sie besser verzehrt werden sollten. Beim Whisky-Dinner am Freitag im Bürgerhaus kam ein „Highlander“ ins Glas, der vor 44 Jahren abgefüllt wurde. Manch einer, der ihn in winzigen Schlucken ehrfürchtig genoss, war damals noch gar nicht geboren . . .

VON ALEXANDER SCHNEIDER


Whisky ist zwar das „Wasser des Lebens“. Wie Wasser sollte man ihn trotzdem besser nicht trinken, schon gar nicht zum Essen. Das wäre schade um den Whisky, aber auch ums Essen. „Whisky-Dinner“ war also vom Begriff her irreführend, wenn auch neugierig machend. Auf Einladung von Michael Radtke, Neu-Anspachs oberster Instanz für diesen goldgelben Quell de Freude, hatten sich dessen Jünger zum Festmahl versammelt. Ins Bürgerhaus gekommen waren nur Experten, denen keine Destillerie fremd war und die wussten, dass es zum Essen nur Miniportionen des edlen Getränks gab. Vorsichtig ließen sie das Lebenselixier der Highlander aus dem oben schmalen und unten breiten Nosingglas über die Zunge rinnen, vorbei an allen Geschmacksknospen, gleichsam Zitate schottischer Genusskultur.

Das brauchte seine Zeit, Fastfood geht eben anders. Die von Wirt Stefan Dürre hochprofessionell an das Motto „Highland-Menü“ angelehnten Speisen buhlten auch nicht darum, hastig verschlungen zu werden. Anderseits wollten aber die die vier Gänge verbindenden Whiskys auch nicht wie Doppelkorn gekippt werden, im Gegenteil. Die Faustregel für Whiskygenuss: So viele Jahre das Getränk auf dem Buckel hat, so viele Sekunden sollte es in homöopathischen Rationen im Mund bewegt werden. Für Michael Radtke, der zu jedem Tropfen eine Geschichte zu erzählen hatte, und die Küchenbrigade war das eine Herausforderung. Schließlich sollte das Essen während des Erkundens des Whiskys nicht kalt werden. Der dritte Gang – „Steak-Pie, Süßkartoffel-Sticks, Butterwirsing“ – war zum Glück heiß genug aufgetragen worden, denn der mit 47,9 Prozent gesegnete, im Bourbon-Fass herangereifte Invergordon Single Grain wollte erst nach 44 Sekunden in die Kehle entlassen werden. Er war damit älter als mancher Gast.

Anders als bei vorangegangenen Whisky-Dinnern war es diesmal nicht darum gegangen, die Whiskys exakt auf die einzelnen Gänge abzustimmen, sondern darum, in jeder Beziehung besondere Sorten, alle von den Highlands, mit einem spannenden Menü zu verbinden.

Das ist beim nacheinander in einem Bourbon- und dann einem Sherry-Fass gelagerten Blair Athol zur „gegrillten Fasanenbrust an bunten Blattsalaten“ sehr gut gelungen. Der immerhin auch schon 27-jährige Cu Bocan aus dem Sherry-Fass fiel insofern etwas aus dem Rahmen, denn eine bessere Wahl als Begleiter zur perfekt gelungenen schottischen Fischsuppe Cullen Skink hätten Maitre Stefan und Michael Radtke kaum treffen können. Eine Explosion unterm Gaumen erlebte auch, wer dem als Dessert gereichten Sticky Toffee-Pudding im Mund einen Schuss vom handabgefüllten Tomatin aus einem Oloroso-Fass beigab und so zum Zeugen einer wahren Liebeshochzeit auf der Zunge wurde.