Islay Tasting Dezember 2012

Was für ein göttlicher Trunk!
Von Alexander Schneider (Taunuszeitung)
Whisky-Freunde huldigen beim Tasting dem Wasser des Lebens
"Wasser des Lebens", "Angels Share" und "Slainte mhach!" – mit Whisky kann man sich Stunden, ach was, ein Leben lang intensiv beschäftigen. In Neu-Anspach sogar mit Anleitung.

Das Trinken auf Deutsch ist ja so einfach: Man sagt "Prost", wenn man es gut mit dem anderen meint, und weg damit. Die Schotten machen sich mit dem den Genuss flüssigen Goldes vorbereitenden Gruß deutlich mehr Mühe und kontrollieren damit auch gleich den Erfolg der Flüssigkeitsaufnahme: "Slainte mhach!" Das ist gälisch, heißt auch so viel wie Prost, also Gesundheit, und spricht sich so: "ßlandje wah, wah" wie Wahnsinn. Sagen Sie es dreimal nacheinander und nehmen Sie das dritte, das kommt, dann etwa hin. Und nach sechsmal ist es ohnehin egal: "slannschwwa". So geschehen beim jüngsten Whisky-Tasting im holzgetäfelten Séparée der "Linde".

Apropos Holz: Ohne Holz kein Whisky. Bei Beton kommt es drauf an, was man draus macht, bei Whisky darauf, woraus er kommt. Am besten aus Eichenfässern, in denen vorher Bourbon oder Sherry lagerte. Oder noch besser: beides nacheinander. Ursprünglich klar wie schnöder Korn, bekommt er durch mindestens dreijährigen Verbleib im Fass erst Geschmack und wird nebenbei auch noch vergoldet.

 

Nicht verschnitten

Kaum jemand weiß das besser als Michael Radtke. Seit 16 Jahren ist der Neu-Anspacher mit dem Single-Malt-Whisky-Virus infiziert. Zum Arzt geht er damit nicht. Der könnte ihm womöglich zu einem anderen Hobby raten. Single Malt, das sind Whiskys, die aus einer einzigen Destillerie kommen, also nicht "verschnitten" sind, und aus gemälzter Gerste hergestellt werden.

Seit Jahren fährt Radtke regelmäßig mit leerem Kofferraum nach Schottland, um Single-Malt-Whisky dort am eigenen Leibe zu erleben. Dass im Kofferraum auf der Rückreise kein Platz für Koffer mehr ist, wundert keinen, der sich einmal auf ein Tasting mit ihm eingelassen und diesem göttlichen Trunk, der kaum treffender heißen könnte als "Wasser des Lebens", gehuldigt hat.

Auch jetzt teilte Michael Radtke wieder seine Begeisterung für dieses mehr oder weniger gülden schimmernde Labsal mit gut einem Dutzend Gleichgesinnter. Es war eine Expertenrunde, die sich da in freudiger Erwartung auf exzellente Tropfen versammelt hatte. Mancher hätte wohl am liebsten einen Zweitwohnsitz in Schottland.

Sechs Whiskys hatte Radtke dabei, alle von der Insel Islay. Auf der leben 3500 glückliche Menschen. "Angels Share" werden die zwei Prozent der Füllung, die durch die Fassdauben entweichen, genannt. Und was sich nicht die Engel, die der Sage nach über Islay besonders tief fliegen sollen, holen, das schnuppern die Insulaner. Anzunehmen, das für gewöhnlich im maritimen Sprachgebrauch angesiedelte Idiom "alle Schotten dicht" könnte hier seinen Ursprung haben, wäre aber sicher etwas gewagt.

Auch in der "Linde" hatte man die Nase voll. Die Experten überschlugen sich genießerischen Blicks mit Geruchswahrnehmungen. So duftete es aus den Nosing-Gläsern nach Apfel, Stachelbeere, Zimt, Vanille, Ingwer. Und natürlich nach Torf. Dabei duftet Torf gar nicht. Wohl aber der Rauch, der bei seiner Verbrennung entsteht. Das Malz der Single-Malt-Whiskys wird auf Islay nämlich über Torffeuer getrocknet.


Schwer auszusprechen

Achtung, jetzt kommen die Namen der verkosteten Whiskys, die auszusprechen bereits nüchtern schwer fällt: Bruichladdich, Bowmore Legends, Caol Ila, Laphroaig Cairdeas, Ardbeg und zum Schluss der sagenumwobene Lagavulin.

An Radtkes Assistenten und Bestfriend Lars Bender war es, die Gaben mit Augenmaß gerecht zu dosieren. In Gedanken an die letzte oder die nächste Reise nach Islay – fast alle am Tisch waren mindestens schon einmal auf Whisky-Island – wurde der Quell im Schein der Deckenlampen erst mit den Augen, dann mit der Nase verzehrt, bevor er sich, mit "wönzigem Schlock" wie weiland in der Feuerzangenbowle, nur eben mit Torfgeschmack, über die Zunge ergoss und zum dritten Mal verzehrt wurde, zum Kippen viel zu schade.
Viele Experten

Einmal jedoch entgleisten Radtke die Gesichtszüge. Einer der Experten hatte sein Glas mit dem vierten Whisky fallen lassen. Ums Glas war es nicht schade, aber um den Laphroig, der sich, wunderbar nach Torf, Orangen, Zimt, Vanille, Ingwer und Honig duftend, über den Tisch ergoss. "Eine Serviette, schnell. Und heb’ sie gut auf", wurde dem Pechvogel geraten. "Ausgerechnet der Laphroig", grämte sich Michael Radtke. In diesem Sinne "Slainte mhach!".

Informationen und weitere Termine sind im Internet zu finden unter www.malt-n-taste.de.